Mittwoch, 14. März 2012

Habt ihr Lust auf eine Geschichte! ;-)


Der Hamster

Es war schon kurz vor halb acht, als Gabi genervt von der Arbeit nach Hause kam. Erst war da zum wiederholten Male die Diskussion mit ihrem Chef wegen der Urlaubsplanung und dann auch noch die Umleitung wegen einer Baustelle, die unwillkürlich einen Stau verursachte. Wie jeden Abend ließ sie ihre Tasche und die Schuhe schon in der Diele stehen, da, wo sie sie gerade losgeworden war. Auf Strümpfen lief Gabi die Treppe hinauf zu den Zimmern ihrer Mädchen. Es war für sie zur Gewohnheit geworden, erst in das Zimmer  ihrer Jüngsten zu schauen, um mit ihr kurz über den Tag zu plaudern und anschließend zu ihrer Ältesten zu gehen. Diese Minuten der Zweisamkeit mit jeder Tochter, bedeuten ihr sehr viel.
Als Gabi das Zimmer von Lili verlassen wollte, rief diese hinter ihr her: “Mama, weißt du was übermorgen für ein Tag ist?“
„Ja natürlich weiß ich das, meine Süße, wie könnte ich den denn vergessen?“ zwinkerte ihrer Tochter zu und schloss die Tür hinter sich.
Zum Glück war morgen Gabis freier Tag, Lili wird bei ihrer Freundin sein, und Lydia und sie können sich in Ruhe um die Vorbereitung der Geburtstagsfeier kümmern.
„Hallo meine Große, guten Abend“, begrüßte Gabi ihre Tochter beim Öffnen der Zimmertür, umarmte sie und gab ihr einen Kuss.
„Lydia, in zwei Tagen ist Lilis neunter Geburtstag. Hast du eine Idee, worüber sich Lili freuen würde? Du kennst doch deine jüngere Schwester besser als ich, denn schließlich schleppst du sie doch überall mit hin.“
„Ach, Mama, du weißt doch genau, was sich Lili sehnlich wünscht.“
„Ja, Lydia,  ich weiß, dass sie unbedingt so ein Viech haben will.“
„Mama! Wie oft soll ich dir das denn sagen, dass das kein Viech ist, sondern ein Zwerghamster.“
„Na, was auch immer, so ein Vi...“, setzte Gabi an, bemerkte aber den Blick ihre Tochter, bekam gerade noch die Kurve und meinte rasch, „Hamster kommt mir nicht wieder ins Haus! Ich weiß noch genau, als du damals deinen Hamster hattest, den musste ich füttern, den Käfig säubern und als er starb war das Geschrei groß. Ich dachte da eher an ein schönes Buch oder etwas zum Anziehen.“
Nach der Trennung von ihrem Mann, lebte Gabi mit ihren Töchtern allein in dem Reihenhaus am Stadtrand.
Es war für die allein erziehende Mutter nicht immer leicht, sich gegen ihre Mädchen durchzusetzen. Meist waren die beiden sich einig und sie somit überstimmt.
 Dieses Mal nahm sich Gabi vor, nicht so leicht nachzugeben. Obwohl, sie genau wusste, dass sie ihren Töchtern keinen Wunsch abschlagen konnte.

„ Mama, bitte, lass uns beide doch wenigstens mal in die Zoohandlung fahren, und schau dir diese kleinen putzigen Hamster an. Bitte sei kein Spielverderber – Bitte!“, begann Lydia zu betteln.
Das wollte Gabi auf keinen Fall sein. Also ließ sie sich von ihrer Großen, so nannte sie ihre Älteste immer, überreden.
Gabi betrachtete ihre Tochter nachdenklich. Nein, wirklich groß war Lydia eigentlich nicht. Sie war mit ihren 1,52 Metern für eine Zwölfjährige recht klein. Dennoch besaß sie inzwischen ein gehöriges Maß Verantwortungsbewusstsein – zumindest im Hinblick auf ihre jüngere Schwester.
Am nächsten Tag nach dem Mittagessen fuhren Gabi und Lydia mit dem Auto in die Innenstadt.  Die Sonne schien und sie waren gut gelaunt. Im Autoradio wurde ein Oldie der ABBAs gespielt. Gabi kannte den Titel gut und sang den Refrain fröhlich mit. „Waterloo...“

In der Zoohandlung ging alles viel zu schnell für Gabi. Erst als sie wieder draußen vor dem Laden standen, realisierte  sie, was sie in den Händen hielt. Nämlich einen Käfig mit lilafarbenen Gitterstäben und drinnen saß ein Zwerghamster. „Hatte mich doch meine Große wieder mal überrumpelt“, schmunzelte Gabi. Da geschah es. Sie hing mit dem spitzen Absatz des rechten Schuhs im Fußabtretergitter fest, was zur Folge hatte, dass sie das Gleichgewicht verlor. Lydia griff geistesgegenwärtig nach dem Käfig, und Gabi konnte sich gerade noch fangen. Aber der Schuh war hin, der Absatz blieb in diesem Gitter stecken. Also humpelte Gabi wütend ihrer Tochter zum Auto hinterher. Von ihrer guten Laune war nichts mehr übrig.
Als sie den Käfig auf den Rücksitz stellten, hielt Gabi ihren kaputten Schuh an die Gitterstäbe. „Guck dir das an, das ist nur wegen dir, du kleine Kröte.“
„Mama! Erstens ist das keine Kröte und zweitens ist es ein männlicher Hamster, also dann höchstens Kröterich“, stieß ihre kluge Große hervor.
 „Liebe Lydia, ich habe dir den Kauf des Haustieres nur nachgegeben, weil ich von dir erwarte, dass du deiner Schwester bei der Pflege behilflich bist. Nicht dass das arme Tier verhungert oder im Dreck erstickt.“
„Aber Mama, dass ist doch...“, begann Lydia.
„Kein Aber“, unterbrach sie die Mutter.
Auf der Heimfahrt sprachen beide kein Wort. Lydia zog einen Flunsch und Gabi musste aufpassen, dass sie aus lauter Ärger nicht zu schnell fuhr, und auch noch ein Ticket kassierte.

Am Geburtstagmorgen deckten Gabi und Lydia den Tisch. Neben den Blumenstrauß aus dem Garten und der Torte, die Gabi am Vorabend selber gebacken hatte, stellten sie den Käfig.
Lili lies nicht lange auf sich warten.
Für mehr als Katzenwäsche war Lili an diesem Morgen eh viel zu aufgeregt. Sie wusch sich nur das Gesicht und kämmte ihre kurzen Haare, die vom Schlafen in alle Richtungen wild abstanden. Doch das störte sie heute nicht. Schnell lief sie in die Küche hinunter und machte große Augen, als sie das Geschenk sah. Vor lauter Freude hüpfte Lili singend um den Tisch: „Ein Hamster...ein Hamster...“
Sein Fell war braun weiß gefleckt und hatte auf dem Rücken in der Mitte von Kopf bis zum Hinterteil einen schwarzen Streifen. Dieser erinnerte die Mutter ganz stark an den Anführer in dem Film mit den Gremlins.
Auch wenn Gabi zunächst gegen den Zwerghamster war, freute sie sich über Lilis strahlende Augen.

Zwei Tage später kam Lili ganz aufgeregt die Treppe rauf gelaufen. „Mama...Mama komm schnell, mein Hamster ist weg, jemand hat die Käfigtür offen gelassen.“
Der erste Gedanke, der Gabi in den Kopf kam, als sie pitschnass unter der Dusche hervor sprang, war „endlich ist dieses kleine Kröte weg“. Und der Zweite „nun komme ich auch noch zu spät zur Arbeit“. Sie wickelte sich ein Handtuch um und folgte ihrer Tochter hinunter ins Erdgeschoss. Sie suchten im Wohnzimmer und in der Küche.
So ein kleiner Hamster konnte schließlich überall stecken. Da sahen sie, dass die Terrassentür offen stand. Gabi ahnte Schlimmes und lief hinaus. Sie erblickte das Tier zwischen den Petunien, die um die Terrasse gepflanzt waren.
„Lili, komm her, hier sitzt er!“, rief Gabi und bückte sich, um nach dem Hamster zu fassen. In diesem Moment kam Lili angelaufen und bückte sich ebenfalls zu ihm hinunter. Wumms! Machte es, als sie mit den Köpfen zusammenstießen. Gabi verlor das Gleichgewicht und fiel, fast wie in Zeitlupe, rückwärts in die Blumenrabatte. Ihr Handtuch hatte diesen Sturz nicht überstanden, löste sich und gab ihren Körper frei. Da lag sie, nackt, mitten in den Petunien, um sieben Uhr morgens.
Gabi erschrak, als eine Autotür zuschlug. Sie hob den Kopf und sah ihren Nachbarn, der gleichzeitig ihr Kollege vom Milchhof war. Dieser brachte jeden Abend den Milchlaster mit nach Hause und wollte gerade zur Arbeit fahren. Am liebsten wäre sie vor Peinlichkeit im Erdboden versunken. Ihr war klar, dass er nicht nur die nahtlose Bräune sah, sondern auch das Tattoo, einen kleinen Schmetterling, welches ihren Körper unterhalb des Bauchnabels zierte. Da Lili mit dem Hamster im Haus verschwunden war, musste Gabi alleine sehen, wie sie wieder auf die Beine kam.
Schnell und mit einem hochroten Kopf wickelte sie das Handtuch wieder um, sah ihren Nachbarn an und meinte trotzdem sehr gelassen: „Mein Lieber, wenn du auch nur mit irgend jemand über diesen Vorfall reden solltest, werde ich dich mit meinem größten Küchenmesser, das ich finden kann,  erstechen müssen!“
Mit diesen Worten drehte sich Gabi um und ging eilends ins Haus. Dort wurde sie von ihren Töchtern mit einer Überraschung erwartet. „Du, Mama, das ist wohl doch kein männlicher Hamster“, hörte sie Lydia sagen.
In dem kleinen Häuschen im Käfig tummelten sich vier kleine Zwerghamsterbabys.
Gabi fielen fast die Augen raus und der Mund stand ihr offen.
Schlimmer hätte es nicht mehr kommen können.

© Heike Krause 2008

Kommentare:

  1. Kurzweilig dachte ich, du bist unter die Schriftsteller gegangen, aber es war die Heike Krause in 2008.
    Schöne Geschichte und gut, dass sie nicht uns passiert ist, nicht wahr?!!

    LG Rosine ♥♥♥

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  2. Wenn ich immer diese Bestätigungswörter eingeben muß, denke ich auch ich bin ein Schriftsteller!

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  3. Hihihi..eine super witzige Geschichte liebe Heike und spannend dazu!
    LG Sonja

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  4. Hallo Heike
    Was für eine spannende Geschichte;-))
    Vielen Dank.
    Liebe Grüsse maggy

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